• Elisabeth Rass

Den Alpenraum von morgen gemeinsam gestalten

Die Chance: New Work und Coworkation.




Der Alpenraum mit seiner vielfältigen, atemberaubenden Natur bildet die perfekte Kulisse, damit Menschen im Einklang mit ihr genau hier leben, arbeiten und sich erholen.

Carina Matscher aus dem Vinschgau ist aktives Vorstandsmitglied von „CoworkationALPS" und gibt uns einen Einblick warum gerade New Work Trends einen großen Einfluss auf den Alpenraum haben können.


An dieser Stelle ein großes Dankschön an Carina: Danke für deine Zeit und deine wertvollen Infos und Einblicke.


#expertentalk


Carina, du hast im Bereich Public Relations für BASIS Vinschgau und IDM Südtirol gearbeitet und weißt, welche Punkte für die Kommunikation eines touristischen Produktes wichtig sind. Seit Oktober 2018 betreibst du nun mit deinem Lebensgefährten eine eigene Pension im Vinschgau und hast somit die Möglichkeit dieses Wissen direkt in das für den Gast erlebbare Endprodukt einfließen zu lassen. Welche Punkte sind dir dabei besonders wichtig bzw. was konntest du diesbezüglich bereits umsetzen?

Ja, richtig. Bei einem eigenen Projekt schaut man ganz besonders darauf die gesammelten Erfahrungen bestmöglich umzusetzen. Für mich ist dabei Authentizität am wichtigsten. Darunter verstehe ich Ehrlichkeit und Freude am Tun, sei es in der Angebotsdefinition und Strategieentwicklung, als auch in der anschließenden Kommunikation des Produktes. In der Pension Feldgärtenhof versuchen wir unseren Gästen eine individuelle Urlaubsplanung zu ermöglichen und speziell auf ihre persönlichen Wünsche einzugehen. Wir erstellen themenbezogene Angebote, die auch uns ansprechen würden, arbeiten eng mit lokalen Partnern zusammen, die wir persönlich kennen und schätzen und verwenden für unser Frühstücksbuffet ausschließlich regionale und nachhaltige Produkte, die uns überzeugt haben, um einerseits die lokalen Kreisläufe zu stärken und andererseits unseren Gästen die Vinschger Kultur und Kulinarik näher zu bringen.


Seit 2019 bist du zusätzlich aktives Vorstandsmitglied von „CoworkationALPS“. Welches Ziel verfolgt der Verein?

CoworkationALPS e.V. ist eine Dachorganisation, unter der das Coworkation-Angebot im Alpenraum zusammengefasst wird. „Workation“ bedeutet die Verbindung von Urlaub und Arbeit. Der Wortzusatz „Co“ bedeutet dann das Arbeiten in der Gemeinschaft. Dieser Trend hat sich bereits vor der Pandemie abgezeichnet und gewann dann durch die Veränderung der Arbeitswelt in den letzten zwei Jahren zunehmend an Zuspruch und Nachfrage – so auch in Südtirol.


Das CoworkationALPS Netzwerk überspannt große Teile des Alpenbogens und bringt Akteure aus unterschiedlichsten Bereichen zusammen, um das Expertenwissen zum Thema Coworkation, New Work und Regionalentwicklung zu bündeln und nach außen hin sichtbar zu machen. CoworkationALPS sieht sich als DER Ansprechpartner, Experte, Kommunikationsplattform, Berater und Vermittler zum Thema Coworkation. Aktuell hat der Verein über 40 Mitglieder und interdisziplinäre Expert:innen aus dem gesamten deutschsprachigen Alpenraum. Zudem ist der Verein mit internationalen Angeboten aus dem Bereich Coworkation (coworkation.com) und Coworking (CoWorkLand) vernetzt und kooperiert mit ihnen. Der Verein vertritt die Interessen der Vereinsmitglieder auf internationalen Messen und Kongressen, wie z.B. auf der Messe Zukunft Land, bei der Grünen Woche in Berlin u.v.m. Zudem ist das Netzwerk auch in internationalen Medien präsent. Zu den Kunden, welche bereits vom Verein Coworkation betreut und beraten wurden zählen u.a. das Skigebiet Heuberge in der Schweiz sowie die Gemeinde Rasen-Antholz in Südtirol und viele mehr.


Ziel ist es innovative Wege zu finden, um die heutigen dezentralen und selbstständigen Mitarbeiter:innen sowie Freiberufler:innen zu unterstützen neue Perspektiven für den ländlichen Raum zu schaffen.”

Die Mission: mithilfe des Netzwerkes in den peripheren Alpenräumen, soziale, berufliche und wirtschaftliche Infrastrukturen zu schaffen und neue Angebote für Einzelpersonen, Teams und auch Betriebe, sprich Hosts, zu generieren. Der Verein ermöglicht somit durch maßgeschneidertes Coaching, Projektbegleitung, Information und Austausch die Koppelung von Freizeit und Arbeit im Alpenraum für alle interessierten Regionen, Anbieter und Nutzer.


3 gute Gründe warum du dich besonders mit diesem Thema identifizieren kannst?

Durch diverse frühere Projekte durfte ich Coworkations erproben und wurde vom Output überzeugt. Es macht Spaß und man lernt viel mit und über andere Menschen und Orte. Außerdem ist die Verbindung von Urlaub und Arbeit zukunftsfähig und just in time ein brillantes neues Angebot um eine breite Zielgruppe anzusprechen.


Warum sind die Themen New Work und Coworkation besonders für den Alpenraum interessant? Welche Chancen siehst du persönlich darin?

Besonders im Alpenraum gibt es viele kreative Köpfe/Freiberufler und auch Angestellte, die zum Arbeiten meist in die nahegelegenen Städte pendeln. Die Belastung des Nahverkehrs spielt hier eine große Rolle und kann durch Coworking Spaces vor Ort eingedämmt werden – eine sinnvolle Alternative auch zum Home-Office. Dass sich auch der Tourismus bei uns in den letzten Jahren verändert hat, ist nichts Neues mehr. Die Saisonen und die Aufenthaltsdauer verschieben sich allmählich, die Zielgruppen werden jünger und bunter und die Nachfrage individueller und anspruchsvoller. Durch neue und alternative Tourismusangebote und die Weiterentwicklung im Bereich Coworkation kann die lokale Wirtschaft gestärkt werden. Das Flair der Alpen kann hierfür besonders reizvoll sein. Es ist die Chance für uns Tourismusakteure die ländlichen Regionen in den Alpen ganzheitlich zu stärken und die Lebensqualität für alle Beteiligten zu verbessern. Dafür bedarf es aber an interdisziplinärer Zusammenarbeit aller Tourismusanbieter und Stakeholder vor Ort – eine Herausforderung, die nicht nur theoretisch bleiben darf! In Zusammenarbeit mit dem Social Innovation Hub BASIS Vinschgau Venosta streben wir eine solche Kooperation an und möchten Vorreiter sein. Es gibt in Südtirol aber bereits erste tolle Projekte, die das Thema Coworkation aufgegriffen haben. Auch mit ihnen sind wir vernetzt und möchten in einem zweiten Schritt mehr Partner sensibilisieren und eine flächendeckende Kommunikation durch IDM Südtirol erstreben.


Welche Voraussetzungen muss ein Betrieb mitbringen um als Host bei „CoworkationALPS“ aufgenommen zu werden und welche Vorteile hat er im Anschluss?

Ein Betrieb, der bei dem Verein „CoworkationALPS“ Mitglied werden will, sollte selbstverständlich mit dem Thema Coworkation vertraut sein, es bestenfalls leben und zumindest offen dafür sein. Es benötigt Orte zum gemeinschaftlichen und rückgezogenen Arbeiten, die erforderliche Software und Hardware wie zum Beispiel einen Drucker, Schreibtische, eine gute WLAN-Verbindung, die Möglichkeit Seminare und Team-Meetings abhalten zu können und sich mit anderen auszutauschen. Neben der Möglichkeit im Betrieb übernachten zu können sollten auch Informationen für die Verpflegung aufliegen, falls dies im Betrieb selber nicht möglich sein sollte. Auch die Möglichkeit vor Ort ein umfassendes Freizeitangebot vorzufinden und buchen zu können ist ein Mitgliedskriterium.


Alle Vereinsmitglieder sind zu internen Workshops und Schulungen eingeladen, haben Zugang zu Studienergebnissen und können dem Expertennetzwerk beitreten und somit als Berater von Dritten fungieren. Eine Listung des jeweiligen Coworkation-Angebotes auf der Vereinshomepage und die Vermittlung und Vertretung bei Messen kommt auf den jeweiligen Mitgliedsstatus an. Durch intern organisierte Coworkations und andere Online- und Offline-Formate können sich die Mitglieder immer wieder treffen und austauschen.

In den kommenden Wochen wird das CoworkationALPS-Gütesiegel freigegeben und die konkreten Zugangsbestimmungen für Anbieter und Hosts werden veröffentlicht.


Welche Zielgruppe wird durch diese Angebote angesprochen bzw. wer sind die Menschen, die sich für Coworkation interessieren und diese Angebote buchen?

Die Zielgruppe ist breit gefächert und schließt sowohl Selbstständige, digitale Nomaden und Freelancer mit ein, als auch Projektgruppen, Studierende, Manager von kleineren und größeren Firmen und Angestellte, deren Arbeitsplatz ortsunabhängig sein kann. Wir hatten zum Beispiel auch bereits Gäste aus unterschiedlichen Regionen, Arbeitsverhältnissen und Branchen, die während der Pandemie im Home-Office tätig waren und sich bei uns zum gemeinschaftlichen Urlauben und Arbeiten getroffen haben. Unternehmen der Zukunft werden sich diesem Wandel beugen müssen und ihren Teams die Möglichkeit bieten müssen diese Work-Life-Balance zu leben.





Euer Betrieb ist selbst Teil des Projektes. Wie wird das Thema bei euch umgesetzt und wie kommt es bei den Coworkationists an?

Während unserer Winterpause arbeiten wir selbst gerne an anderen Orten. In unserer Pension Feldgärtenhof in Kortsch bieten wir den Gästen ein buntes Freizeitangebot in Verbindung mit der Möglichkeit in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen. In all unseren Zimmern befinden sich Schreibtische, Platz für Meetings gibt es draußen und drinnen. Ein Highlight-Angebot ist vor allem die Möglichkeit den Coworking Space und die Seminarräume der BASIS Vinschgau Venosta in der ehemaligen Militärkaserne in Schlanders direkt mitzubuchen. Bei Bedarf organisieren wir Treffen mit einheimischen Unternehmen, Businesstalks, Incentives und themenbezogene Angebotswochen. Bei einer Work-Community geht es nicht nur um das Sozialisieren, sondern hauptsächlich um Brainstorming, Zusammenarbeit und Lernen. Es ist ein wichtiger Bestandteil der produktiven Arbeit.

Wir merken, dass die Nachfrage immer mehr steigt und auch die nationalen Gäste das Angebot immer mehr schätzen. Trotzdem sind wir noch am Anfang und zur vollen Ausschöpfung des Potentials bedarf es noch viel Sensibilisierungsarbeit und PR-Kampagnen, die wir allein nicht in der Lage sind umzusetzen. Deshalb hoffen wir auf die baldige Aufmerksamkeit zum Thema und Unterstützung der lokalen Tourismustreibenden.


Zukunftsausblick: Wie könnte sich das Thema Coworkation in den nächsten 5 Jahren in Südtirol weiterentwickeln und welches wäre deine persönliche Wunschvorstellung dazu?

Der Verein hat in Zusammenarbeit mit der bekannten Tourismusmarketingagentur Saint Elmo’s eine Studie in Auftrag gegeben, die unter anderem das Verhalten von Coworking-Konsumenten im gesamten Alpenraum erforscht. Die Ergebnisse werden demnächst bekannt gegeben und werden wohl auch die Weiterentwicklung des Coworkation-Trends in Südtirol beeinflussen. Andere Alpenregionen, wie Tirol und Allgäu haben bereits strategische Schritte in der Produktentwicklung eingeleitet und können bespielhaft für Südtirol sein. Ich denke, dass das Thema auch bei uns in nächster Zeit einen Aufschwung erlebt. Einzelne tolle Projekte, mit denen wir in Kontakt stehen gibt es bereits: BASIS Vinschgau Venosta und die Südtiroler Startbase als Pioniere, das Coworking und Coliving Projekt Franz&Mathilde und COWorkation @Montecin in Mals. Meine persönliche Wunschvorstellung wäre es ein Konzept zu kreieren, um die Kooperation von lokalen Kleinbetrieben so wie unsere Pension es ist, den Verbänden und Gemeinden und den vorhandenen Coworking Spaces oder Kreativzentren voranzutreiben und zu konkretisieren. Großartig wäre ein flächendeckendes Angebot mit einem abgestimmten Preissystem, das sowohl für die Gäste als auch für die Anbieter nachhaltig und lukrativ ist. Ob sich dieser Wunschgedanke irgendwann mit interessierten Macher:innen in die Tat umsetzen lässt, wird sich zeigen.



GOOD TO KNOW.


CoworkationaALPS ist ein vereinsbasiertes Netzwerk für Coworkation im Alpenraum. Sowohl zur Weiterentwicklung von alpinen Regionen, als auch als Plattform für außergewöhnliche Coworkation-Angebote und Locations. Was CoworkationALPS ausmacht, ist die Verbindung von Community (Gemeinschaft), Work (Arbeit) und Vacation (Urlaub) inmitten der Alpen. Coworkations sind organisierte Reisen, die durch die Kombination von außergewöhnlichen Locations, einer arbeitsfreundlichen Infrastruktur, Raum für Austausch und Gemeinschaft und organisierten Rahmenprogrammen, wie z.B. Wandern, Yoga, Kochen oder Workshops jedem

die Möglichkeit bieten, neue Kreativität zu tanken und aus dem Alltag zu entfliehen.


Weitere Infos: coworkation-alps.eu.



Fotocredits: Billel Moula & Nathan Dumlao on Unsplash