• Katharina Flöss

MICE MICE Baby

Neue Trends beflügeln den Markt des Geschäftstourismus und der Tagungsindustrie.


Lange Zeit war MICE – mit Fokus vor allem auf den Kongressbereich – für Südtirol ein Randthema, besetzt mit gemischten Gefühlen und eigentlich nur für Bozen und eventuell Meran eine Überlegung wert. 2019 wurde das Thema von Seiten von IDM Südtirol wieder aufgegriffen und die Region als MICE-Destination in den Kernmärkten Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien vorgestellt und präsentiert. Nach der Pandemie nahm das Thema weiter an Fahrt auf und mit 2022 wurde es als Fokusthema im Bereich Sales verstärkt in den Vordergrund gerückt.


„MICE“ steht für Meetings (Tagungen), Incentives (von Unternehmen organisierte Teambuilding-Reisen für Mitarbeiter), Conventions (Kongresse) und Exhibitions (Ausstellungen). Angesprochen wird der breite Markt des Geschäftstourismus und der Tagungsindustrie. Laut IDM Südtirol liegt dabei das größte Potenzial für Südtirol in der Incentive-Branche und in Meetings mit bis zu maximal 100 Personen in Kombination mit Erlebnissen in der Natur, während die Destination für Kongresse kaum geeignet erscheint. Vom Nischenmarkt MICE profitieren neben den Betrieben aus dem Hotel- und Gastgewerbe, auch angrenzende Sektoren: Eventorganisator:innen, Veranstaltungshallen, historische Gebäude mit Tagungsmöglichkeiten sowie Catering- und Transportunternehmen.

Wir haben mit Claudia Rier, ehemalige Sales und MICE-Managerin bei IDM Südtirol, über neue Trends im Bereich des Geschäftstourismus gesprochen und mit ihr diskutiert, welche Potentiale dieser Markt für lokale Betriebe – vor allem auch in der Nebensaison – birgt.


Laut IDM Südtirol liegt dabei das größte Potenzial für Südtirol in der Incentive-Branche und in Meetings ... während die Destination für Kongresse kaum geeignet erscheint.

An dieser Stelle vielen Dank an dich Claudia für deine Einschätzungen, Einblicke und deine wertvolle Zeit.


#expertentalk


Claudia, du hast den Bereich MICE in Südtirol mit aufgebaut. Welche sind deiner Meinung die Stärken, die Südtirol in diesem Bereich zu bieten hat?

Wie schon im Intro erwähnt, ist es vor allem die Kombination von Arbeit und die unmittelbare Nähe von Erlebnissen in der Natur, die sogenannte Work-Life-Balance, die Südtirol zu bieten hat. Diese umschließt alle möglichen sinnlichen und körperlichen Erlebnisse, von unterschiedlichen Outdoor-Aktivitäten bis hin zu Produktverkostungen.

Das Thema MICE wurde schon weit vor 2019 von einzelnen Orten in Südtirol aufgegriffen, ist aber öfters – unter anderem auf Grund fehlender Kapazitäten bei den Unterkünften – gescheitert. Welche Trends haben sich im MICE-Bereich in den letzten Jahren entwickelt, die uns heute als Destination in die Hände spielen?

Der Trend geht hin zu kleineren Incentive-Reisen: Workshops für Mitarbeiter:innen, Teambuilding- und Firmenevents, Seminare, Klausuren oder Meetings, die mal in einer Bauernstube oder aber in einem Hightech-Raum stattfinden können und anschließend mit Outdoor Aktivitäten, gemeinsamen Kochkursen, After-Work-Yoga, Weinverkostungen etc. kombiniert werden. Es geht um das ganzheitliche Erlebnis, das nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Vor allem ist es aber auch die unmittelbare Nähe zu Süddeutschland, Österreich, Schweiz und Norditalien. Früher sind Firmen aus diesen Gegenden oft für ein verlängertes Incentive-Wochenende weggeflogen, jetzt fahren sie ob mit Bus, Zug oder Auto in näher gelegene Destinationen wie Südtirol.


"Wichtig ist vor allem das Mindset der Betriebsinhaber:in bzw. der Manager:in...Zweites zentrales Kriterium ist eine funktionierende und stabile WLAN-Verbindung."

Welche Kriterien sollte ein Betrieb mitbringen, um sich im Geschäftstourismus in Südtirol zu etablieren? Haben auch kleinere Betriebe eine Chance, bei diesem Trend mitzuwirken?

Selbstverständlich haben auch kleinere Betriebe eine Chance sich hier zu etablieren. Vor allem für Incentives sind kleinere Betriebe ideal, weil gerne ein Buy-out (Buchung der kompletten Unterkunft) gemacht wird. Wichtig ist das Mindset der Betriebsinhaber:in bzw. der Manager:in. Wenn sie das Thema Geschäftstourismus spannend findet und bereit ist auf die etwas anderen Bedürfnisse der Gäste/Kund:innen einzugehen, ist das schon mal die wichtigste Voraussetzung. Zweites zentrales Kriterium ist eine funktionierende und stabile WLAN-Verbindung. Die restliche Hardware, wie technisches Equipment aber auch Meeting-Räume, können auch ausgelagert werden. Sprich Technik kann ich ausleihen und auch ein Seminarraum in näherer Umgebung ist ok. Es geht in erster Linie um die „Software“: ich brauche als Manager:in Lust und Interesse das Rahmenprogramm zu organisieren oder eine:n Verantwortliche:n im Betrieb, die oder der dieses Feld betreut. Und die Zeit für diese „Software“-Arbeit muss natürlich auch berechnet werden, egal ob ich sie selbst erledige oder ob das eine Mitarbeiter:in übernimmt.

Wer das Thema MICE vertiefen möchte, dem empfehle ich, sich an die Sales-Abteilung innerhalb der IDM zu wenden. Diese hat sich in den letzten Jahren auf das Thema MICE spezialisiert und steht allen Betrieben, die sich für dieses Thema interessieren, für Auskünfte zur Verfügung und gibt Tipps: https://b2b.suedtirol.info/de


Hat MICE das Potenzial, die Nebensaison in Südtirol beleben? Absolut! Der Geschäftstourismus konzentriert sich vorwiegend auf die sogenannten Randsaisonen. Ich kann als Betrieb die saisonalen Ränder mit MICE beleben und die eigene Auslastung steigern. Es muss aber klar sein, dass MICE nicht das Allheilmittel ist, um eine Nebensaison zur Hauptsaison zu machen.


Gibt es spezielle Unternehmen bzw. Unternehmenstypologien, die Südtirol besonders anspricht?

Im Grunde ist die Branche irrelevant, von Automotive bis Produktionsunternehmen und Personalagenturen kann alles dabei sein. Die Unterschiede liegen eher in der Betriebsgröße. Große Unternehmen brauchen meist höhere Zimmerkapazitäten im Unterschied zu kleinen oder mittelständischen Unternehmen, für die auch kleine Häuser interessant sind.


Spielt deiner Meinung nach besonders in diesem Tourismussegment die Erreichbarkeit eine zentrale Rolle? Wenn ja, welche Lösungen gäbe es für Südtirol (z.B. Ausbau Flug- und Zugverbindungen etc.)?

Die Erreichbarkeit spielt immer eine Rolle, egal ob für den Leisure-Gast oder den MICE-Gast. Meiner Meinung nach ist Südtirol gut erreichbar, vor allem für MICE-Kund:innen im Umkreis von 500 km, aber nicht nur. Auch der Ausbau des Flugplatzes Bozen und vor allem die Anbindungen an internationale Flughäfen ist sehr gut. Wenn ein:e Kund:in nach Südtirol will, dann kommt sie auch hin.


Aus deinen Erfahrungen, profitieren Betriebe eher in Stadtnähe oder jene, die fern ab von allem Trubel sind?

Sowohl als auch. Hier sehe ich eher saisonale Unterschiede, wann welcher Typus bevorzugt wird. In den wärmeren Monaten, wo das Angebot in den Dörfern umfangreicher ist (Restaurants, Bauernhöfe, Produzenten, Outdoor-Aktivitäten etc.) und ich auch abgelegenere Orte leicht erreichen kann, weil z.B. gerade kein Schnee liegt und es in der Höhe angenehmer ist, profitieren sicherlich kleinere Orte und abgelegene Dörfer. In der kälteren Jahreszeit werden die Städte oft interessanter, weil das Freizeit-Angebot dort in den ruhigeren Monaten meist umfangreicher gestaltet ist.

 

ÜBER CLAUDIA RIER:

Claudia Rier ist seit Beginn 2022 selbstständige Beraterin für Betriebe zum Thema Sales & Kommunikation und war davor über 15 Jahre lang Destinations- und PR-Managerin bei SMG Südtirol und dann Sales und MICE-Managerin bei IDM Südtirol. Ganz neu und ganz nebenbei führt sie gemeinsam mit zwei Freunden eine Luxus-Lodge im Eisacktal und betreibt ab Herbst 2022 gemeinsam mit ihrer Mutter den familieneigenen Buschenschank unterhalb von Kastelruth.



Quelle Informationen zu MICE in Südtirol: IDM Südtirol