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  • Katharina Flöss

tourisma Netzwerktreffen: Vereinbarkeit von Familie und Beruf

tourismas diskutieren über diesbezügliche Chancen beim Netzwerktreffen in der BASIS in Schlanders




Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Wo stehen wir und wohin gehen wir? In Zusammenarbeit mit coWorkation Val Venosta haben wir bei unserem ersten Netzwerktreffen Anfang April 2024 das Thema gemeinsam in der BASIS in Schlanders reflektiert.


Im Anschluss gab es die Möglichkeit sich beim „Hoangortn“ in der BASIS aktiv zu vernetzen und weiter auszutauschen. 16 Teilnehmerinnen aus verschiedenen Bereichen folgten der Einladung zum Gespräch und teilten ihre Erfahrungen zum Thema. Und eine Notiz am Rande: Dieses Netzwerktreffen wäre auch für Männer offen gewesen, wir sind am Ende eine reine Frauenrunde geblieben…



Die Fishbowl

Bevor wir in die Diskussion starteten, gab es eingangs ein paar Zahlen zum Thema Frauen und Arbeit von Katharina Flöss. Der Gender-Pay-Gap lag 2023 in Südtirol in der Privatwirtschaft bei 16,5 % (nach dem Netzwerktreffen wurden die aktuellen Zahlen präsentiert und der Gap ist nunmehr auf 17,2 % gestiegen), damit liegt Südtirol ca. 4 Prozentpunkte über den europaweiten Schnitt. In Südtirol haben 32,6 % der Frauen ein Teilzeit-Arbeitsverhältnis, bei den Männern sind es 6,9 %. Und (nicht nur) das wirkt sich auf die Pensionszahlungen der Frauen aus: diese liegt 50 % unter denen der Männer. In absoluten Zahlen, teilt uns später Ingrid Kappeller vom Forum Prävention und der Allianz für Familie mit, bedeutet dies: Männer bekommen in Südtirol eine monatliche Pension von ca. € 1.700 ausbezahlt, Frauen ca. € 800. Im Anschluss folgte eine aktive Diskussionsrunde im Format der Fishbowl, welches wir bereits bei unserem Netzwerktreffen zum Thema „Tourismus trifft Kunst und Kultur“ eingesetzt hatten.


Der innere Sitzkreis wurde von Marion Gerstl (Hotel Das Gerstl, Burgeis), Ingrid Kappeller (Forum Prävention und Allianz für Familie), Katrin Gruber (Verwaltungsräting BASIS und selbstständige Grafikerin) und Carina Matscher (Feldgärtenhof, Kortsch und CoWorkation Val Venosta) besetzt. Auch dieses Mal gab es einen freien Stuhl, über den sich die Teilnehmerinnen des äußeren Zuhörerkreises aktiv in die Diskussion einbringen konnten.


Ziel der Diskussion war in erster Linie Erfahrungen zum Thema zu teilen, best-practice Beispiele zu sammeln und Impulse zu erörtern, wie Vereinbarkeit gelingen kann.

Die einführende Diskussionsfrage drehte sich darum, was ein Unternehmen tun kann, damit Vereinbarkeit in einem Betrieb der sieben Tage die Woche geöffnet ist, gelingen kann. Vor allem dann, wenn der Familie keine Großeltern oder sonstige private Ressourcen für die Kinderbetreuung zur Verfügung stehen.


Für Marion Gerstl ist diese Situation alles andere als neu. Bei 80 Mitarbeiter:innen sind viele Frauen mit Kindern im Betreuungsalter dabei. Warum sprechen wir nun explizit von „Frauen“? Wie Marion berichtet, gibt es von Seiten der Männer eigentlich keine Anfragen bezüglich besonderer Bedürfnisse oder Stundenpläne im Zusammenhang mit Familie (diesen Umstand bestätigen uns auch weitere Teilnehmerinnen). Im Gerstl setzt man auf Kommunikation. Nachdem die Bedürfnisse stehen schaut man sich die Situation genauer an. Welche Spielräume gibt es bei der Arbeitszeit? Ist es möglich, den Bereich zu wechseln und dadurch mit den Zeiten spielen? Wichtig, glaubt sie, ist es offen und mit gutem Willen den Mitarbeiterinnen entgegenzukommen. Sie räumt ein, dass das Thema Bereichswechsel und Aufteilung von Arbeitszeiten in einem großen Betrieb wie ihrem aber auch leichter ist.


Carina Matscher kennt die Seite des Kleinunternehmens. Mit einer Mitarbeiterin ist der Spielraum kleiner. Die Stunden sind für die Mitarbeiterin im Housekeeping kaum flexibel. Auch sie sagt, Kommunikation ist das Um und Auf. Wenn ihre Mitarbeiterin ausfällt, muss allerdings sie selbst einspringen und das eigene Auffangnetz „Großeltern“ aktivieren. Ohne dieses wäre ihr eigener Einsatz, aber auch das Einspringen nicht machbar.


Ingrid Kappeller vom Forum Prävention/Allianz für Familie hebt in diesem Zusammenhang die zentrale Rolle der Großeltern hervor: Aus den ASTAT Daten von 2021 geht hervor, dass 65 % der Befragten die Großeltern für die Betreuung der Kinder brauchen. 23 % können auf niemanden aus dem familiären Umfeld für die Betreuung der Kinder zurückgreifen, Tendenz steigend. Durch den demografischen Wandel verschärft sich die Situation zusätzlich. Großeltern sind selbst länger berufstätig und/oder pflegen deren Eltern. Immer mehr Frauen stehen außerdem vor der Herausforderung neben den Kindern, auch schon die eigenen Eltern oder Schwiegereltern zu pflegen. Zudem berichtet sie, dass vor allem Familien mit Migrationshintergrund oft das familiäre Betreuungsnetz fehlt, da Eltern und Verwandte nicht hier leben und somit auch nicht abrufbar sind. Auch die Rolle der Väter greift Ingrid auf. Die obligatorische Vaterschaft wurde in Italien 2022 (auf Grund eines Beschlusses auf EU-Ebene) von zwei auf zehn Tage angehoben. Südtirol hat hier noch eines draufgesetzt und gewährt den Vätern einen fakultativen Vaterschaftsurlaub von sechs bis zu zwölf Monaten (bei dem sie zu den 30 % Gehalt einen Bonus von € 800 pro Monat beantragen können, wenn sie von der fakultativen Elternzeit innerhalb der ersten 18 Lebensmonate des Kindes Gebrauch machen und mindestens einen Monat Elternzeit genießen = Landesfamiliengeld+).



Best Practices


Im weiteren Zuge der Diskussion folgten Erfahrungsberichte und best-practice Beispiele, wie Vereinbarkeit besser funktionieren bzw. gelebt werden kann:


#geteilte Elternzeit


Ob nun beide Elternteile für eine gewisse Zeit ihr Arbeitspensum etwas zurückschrauben (beide in Teilzeit) oder der Vater fakultative Elternzeit genießt, von beiden Modellen wurde berichtet und beide haben (nach intensiver Diskussion und anfänglichen Unsicherheiten von Seiten der Männer) gut funktioniert und einen Mehrwert für die Familie gebracht und vor allem auch für die zusätzliche Arbeit die sehr oft gänzlich oder größtenteils von den Müttern gestemmt wird. Den Berichten gemein war jedoch auch, dass mit finanziellen Einbußen zu rechnen ist. Diese bewegen sich jedoch in einem tragbaren Rahmen.

Ein wichtiges Fazit dazu: Frauen sollten im Finanzwissen/Finanzielle Bildung gestärkt werden und sich aktiv dazu informieren.



#Inputs für Arbeitgeber


- Bereitschaft zum Gespräch und ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der MitarbeiterInnen in Bezug auf Vereinbarkeit. Die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen, sollten klar kommuniziert werden. Dies ist für große, als auch kleinere Betriebe umsetzbar.

- Einrichtung einer Betriebskita (v.a. für größere Betriebe eine Option, für kleinere evtl. in Zusammenarbeit mit anderen Betrieben. Ein solche entsteht beispielsweise gerade im Vinschgau (Hotel Das Gerstl) und auch im NOI Techpark wurde eine betriebseigene Betreuungseinrichtung für Kinder zwischen 0 und 6 Jahren eingerichtet). Solche Projekte werden oft auch von Gemeinde und Land gefördert und mitfinanziert.

- Kinderbetreuung im Sommer oder an Nachmittagen, welche für die Hotelgäste zur Verfügung steht, auch für die Kindern der MitarbeiterInnen öffnen.

- Wird im Betrieb mittags gekocht oder eine Mensa für Mitarbeiter angeboten? Dann den arbeitenden Eltern anbieten, eine Portion für die Schulkinder nach Hause mitzunehmen. Das spart den Eltern Zeit und entlastet sie zudem.

- Betriebsinterne Weiterbildungskurse/Infoveranstaltungen zum Thema Vereinbarkeit, finanzielle Absicherung und Finanzwissen anbieten.



#Inputs für Arbeitnehmerinnen


- Proaktiv mit Lösungsvorschlägen, welche Vereinbarkeit erleichtern, auf Arbeitgeber zugehen und dafür sensibilisieren.

- Den Partner auf die Möglichkeit der geteilten Elternzeit hinweisen und es in der Familie zum Thema machen.

- Es gibt kein passendes Angebot? Kann/will ich selbst aktiv werden und etwas mit anderen Eltern auf die Beine stellen? Eine Inspiration dafür: das „MüZe“ in Penzberg, eine elterngeführte Betreuungseinrichtung. Oder aber von CoWorkation Val Venosta und BASIS erzählen lassen, wie der Testversuch „Coworking und Kinderbetreuung“ in der BASIS im Herbst 2023 abgelaufen ist.


#Inputs für ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen


- Gemeinsam für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sensibilisieren (und den Begriff auch weiterdenken, denn es geht nicht nur um Kinderbetreuung, sondern um Sorgearbeit allgemein, egal ob jung oder alt).

- Gemeinsam von der Politik innovative Strukturen einfordern und ein Umdenken mitgestalten. Sorgearbeit ist ein Thema, das den Großteil der Bevölkerung betrifft. Dennoch wird häufig auf individueller Ebene verhandelt und noch wenig Hand in Hand von der Politik eingefordert.



Fazit


Wir stellen am Ende der Gesprächsrunde fest, dass es noch viel zu tun gibt und das Thema allen Beteiligten in irgendeiner Form Kopfzerbrechen bereitet. Der abschließende Gedanke von Ingrid Kappeller fasst es sehr gut zusammen: Wir brauchen eine innovativere Struktur, aber zugleich auch das Umdenken innerhalb unserer Gesellschaft, um dieses weite Thema zukünftig gut zu gestalten.


Wir von tourisma south tyrol wünschen uns, dass die Ergebnisse dieses Netzwerktreffens nun auf mehreren Ebenen wirken: als Inspiration für die eigene Veränderung und als Reflexion im Unternehmen, als Anstoß für Diskussionen oder Trigger für neue Ideen.


An dieser Stelle möchten wir uns auch nochmals bei Carina Matscher (Feldgärtenhof, Kortsch und CoWorkation Val Venosta) für ihre Bereitschaft und Unterstützung in der Planung sowie ihrer aktiven Teilnahme bedanken. Danke an alle Teilnehmerinnen, ohne die ein solches Netzwerktreffen nicht möglich ist und die sich mit sehr viel Engagement, Wissen und Offenheit eingebracht haben.


Good to know:


Finanzielle Unterstützung für Familien ist im Jahr 2023 angestiegen - weitere Infos auf der folgenden Webseite: https://news.provinz.bz.it/de/news/finanzielle-unterstutzung-fur-familien-ist-im-jahr-2023-angestiegen


Lust beim nächsten tourisma Netzwerktreffen am 30. Mai 2024 in der Kaffeerösterei Kuntrawant in Lana mit dabei zu sein? Dann melde dich hier an: https://forms.gle/2Gxr1HzxwnucpS5n6






 



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