• Katharina Flöss

Die Essenz der Megatrends

Wie wir im Heute die Zukunft aufspüren.


Ein Theaterstück. Die Hauptcharaktere sind im Programmheft aufgelistet, wir wissen, wer sie sind und, dass sie auf die Bühne treten werden. Aber in welcher Beziehung stehen sie zueinander? Welche Spannungen gibt es zwischen ihnen und wie werden sich diese lösen? Und in welche Richtung wird das Stück als Ganzes gehen? Wir sehen gespannt zu und im Hintergrund spielt, mal leise – mal laut, das Orchester die Musik.

Ich bin neulich auf diese Metapher gestoßen, die den Nagel nicht besser auf den Kopf treffen könnte und mit der wir auch schon mitten im Thema sind: die Essenz der Megatrends. Sie sind die Hauptcharaktere in unserem Bühnenstück, das wir global auf allen Bühnen der Welt spielen. Vergleichbar mit einem Impro-Theater, sind die Hauptcharaktere weltweit dieselben, aber das Publikum, das ihnen neue Handlungsstränge zuruft, ändert sich von Region zu Region, weshalb das Stück auch nicht immer linear und gleich verläuft. Das Orchester im Hintergrund sind Metatrends, auch als „drivers of change“ bekannt, die sich durch alle Megatrends hindurchziehen, sie formen, beschleunigen oder verlangsamen die Entwicklungen die von den Megatrends ausgehen und sie nehmen auch Einfluss auf die Wechselwirkungen und Spannungen die Zwischen ihnen entstehen (in diesem Ensemble spielt, ganz nebenbei, seit Ende 2019 auch Corona mit).


„The most reliable way to anticipate the future is by understanding the present.” (J. Naisbitt, 1982)

Megatrends kommen aus der Zukunftsforschung, einer vergleichsweise jungen Wissenschaft, welche mit dem amerikanischen Zukunftsforscher John Naisbitt in den frühen 1980er Jahren Bekanntheit erlangte. Er beschreibt Megatrends als „langanhaltende gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Veränderungen, die verschiedene Lebensbereiche massiv beeinflussen“. Zukunftsforscher machen schwache Signale in der Gegenwart ausfindig und leiten daraus einen möglichen Megatrend ab. Diese Signale finden sich in der Kulturwissenschaft, in wissenschaftlichen Arbeiten aus verschiedensten Disziplinen, als auch in Medien- und Dokumentanalysen. Ob eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung zum Megatrend taugt hängt dabei von sechs Merkmalen ab:

Dauer: wirkt mindestens 15-30 Jahre bevor er seinen Zenit erreicht

Ubiquität: ist allgegenwärtig und in vielen Lebensbereichen spürbar

Universalität: beeinflusst das Leben der Menschen weltweit, wirkt aber nicht zwingend in allen Regionen und Gruppen zeitgleich und in gleicher Intensität.

Robustheit: verkraftet auch temporäre Rückschläge

Richtung: leitet einen gesellschaftlichen Wandel ein

Wechselwirkung: steht in Beziehung zu anderen Megatrends (i.e. Gesundheit und Demographischer Wandel), kann in der Wechselwirkung verstärkend aber auch abschwächend sein und beinhaltet nicht selten Widersprüche und Gegentrends, so hat beispielsweise die Urbanisierung und Zunahme von Megacities auch den Wunsch nach einem Leben im Grünen oder ländlichen Raum befeuert.




Am Ende sind Megatrends ein Versuch relevante Themen der Gegenwart in die Zukunft zu tragen. Heute werden sie oft medienwirksam im Blockbusterformat in Szene gesetzt und wirken damit umso anziehender und faszinierender auf uns. Dabei sollten wir uns die Tatsache vor Augen halten, dass wir dazu tendieren, die Dinge die um uns herum passieren aus unserem Kontext heraus zu interpretieren. Wir tun also gut daran immer wieder in andere Bereiche, außerhalb unseres Dunstkreises, einzutauchen und uns mit Akteuren aus diesen auszutauschen, um ein möglichst breites Bild zu erhalten.

Die einzig große Wahrheit sind sie nicht. Die liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen.

Denn wir sind es am Ende, die das Theaterstück interpretieren.


Neues zum Thema Megatrends werden wir dennoch immer mal wieder aufs Tapet bringen und versuchen sie für unsere Bühne zu interpretieren.



Quellen: SITRA, E. Göll, zukunftsInstitut